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«Ich bin noch immer nicht frei von Vorurteilen»

Vom 21. bis 24 März fand in Budapest eine weitere Roma-Konsultation der Evangelisch-methodistischen Kirche statt. Zwölf Personen aus sechs Ländern tauschten sich über praktische und organisatorische Fragen ihrer Arbeit aus.
 
Verschiedene Länder, die gleichen Herausforderungen, so könnte man das Treffen der Roma-Konsultation zusammenfassen. Die Arbeit mit Roma findet in der Region Mitteleuropa-Balkan keine Anerkennung. Personen, die für und mit dieser marginalisierten Gruppe arbeiten, werden von der Gesellschaft oft abschätzig behandelt. Umso wichtiger ist der Austausch untereinander.
 
Vorurteile sind schwer abzulegen
Das Vorurteil, Roma seien faul, ungebildet und kriminell, hält sich nach wie vor. Zoltan Kurdi, Pfarrer aus Ungarn, kam schon als Kind mit Roma in Berührung. Selbst nach einer so langen gemeinsamen Wegstrecke ertappt er sich immer wieder, dass er die negativen Stereotypen seiner Umwelt übernimmt: «Ich bin noch immer nicht frei von Vorurteilen und ich lerne noch immer dazu.» Tatsächlich gibt es bei den Roma leider häufig Teenagerschwangerschaften, Mädchen, die früh verheiratet werden, und Alkoholismus. Zoltan Kurdi muss sich selbst daran erinnern, warum das so ist. Roma leben oft am Rande der Gesellschaft, haben nicht immer die Möglichkeit zur Schule zu gehen – und wenn sie es doch tun, scheitern sie dort nicht selten. Ohne Bildung landen sie oft in nicht angesehenen Berufen oder rutschen in die Kriminalität ab. Selten bekleiden Roma politische Ämter. Was unsichtbar ist, ist oft auch undenkbar.
 
Das Gleiche, nur anders
An der Roma-Konsultation ging es vor allem um Austausch. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, unter denen auch zwei Roma-Frauen waren, sprachen über ihre Arbeit und Nöte. Zu hören, dass Probleme in anderen Ländern gleich oder ähnlich sind, half, die eigenen Bemühungen einzuordnen. Und es half, konkrete Ratschläge zu geben. Das Treffen bot viele Möglichkeiten, voneinander zu lernen: bei Interviews oder in der Intervision konnten alle gehört werden und es war leichter möglich, nachzufragen und zu diskutieren.
 
Raus aufs «Feld»
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprachen miteinander nicht nur über ihre Arbeit, sondern besuchten auch eine Schule für Roma-Kinder in Tatabánya, nahe Budapest, um mit der Direktorin über Erfolge zu reden. Da die Schülerinnen und Schüler überwiegend Roma sind, erzielen sie hier bessere Leistungen als an einer anderen Schule. Oft können die Eltern selbst weder lesen noch schreiben. Auch deshalb haben Roma-Kinder an anderen Schulen schlechtere Startchancen. Misserfolge rauben zusätzlich die Motivation weiterzumachen. Viele brechen die Schule ab. An dieser Roma-Schule sind sie motivierter, auch weil es eine Ganztagesschule ist: Die Kinder bekommen Hausaufgabenhilfe und können sich besser auf das Lernen konzentrieren.
Später besuchte die Gruppe einen Gottesdienst der Roma-Gemeinde. Es war eine sehr lebendige Feier mit viel Musik und einer heiteren Atmosphäre. Die Leute gingen ein und aus, was den Eindruck erweckte, als seien sie zu Gast bei Freunden.
 
Eine Roma-Stimme
Die Konsultation war vor allem für die gedacht, die mit Roma arbeiten. Dennoch kamen auch Roma selbst zu Wort: Anita Raffael kam schon früh mit der Evangelisch-methodistischen Kirche in Berührung. Der Glaube half ihr, sich als ebenso wertvoll wie ihre ungarischen Mitmenschen zu erachten. So konnte sie die Schule abschliessen und hat gerade in den Tagen, als die Konsultation sich traf, die Zusage bekommen, am Nazarene College (https://www.eunc.edu/) studieren zu können. Sie hat ein konkretes Anliegen: «Ich wünsche mir, dass Gott die Augen aller öffnet, damit sie unsere Realität sehen.»
 
Autorin: Danka Bogdanovic
 
 
Wer sind die Roma?
In Europa leben rund 12 Mio. Roma – die meisten davon im östlichen Mitteleuropa und auf dem Balkan. Auch wenn sie mehrheitlich sesshaft sind, ist ihre soziale Integration vielerorts gescheitert. Roma werden diskriminiert und sind mit Vorurteilen sowie verbaler und körperlicher Gewalt konfrontiert. Darüber hinaus kämpfen sie mit weiteren Problemen: Arbeitslosigkeit, fehlende Ausbildung, Armut, mangelhafte Ernährung und fehlende medizinische Versorgung. Die Evangelisch-methodistische Kirche hat in dieser Region schon vor über 50 Jahren begonnen, mit Roma zusammenzuarbeiten und sich für eine Verbesserung ihrer Lebensumstände einzusetzen – trotz gesellschaftlicher Widerstände. Vielerorts sind Gemeinden und Hauskreise entstanden, die überwiegend oder ausschliesslich aus Roma bestehen. Es wurden Sozialprojekte realisiert wie schulische Unterstützung, Stipendien sowie Lese- und Schreibkurse für Erwachsene.
Mit Saatgut, Obstbäumen oder Nutztieren wird auch Hilfe zur Selbsthilfe geleistet. Weitere Hilfe bekommen die Menschen bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt über staatliche Arbeitsprogramme, Zugang zum Gesundheitsdienst und Familienberatung, sowie Nothilfe (Lebensmittelpakete, medizinische Hilfe, Brennholz).

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Am 8. April ist der Internationale Tag der Roma - ein weltweiter Aktionstag, mit dem auf die Situation der Roma, insbesondere deren Diskriminierung und Verfolgung, aufmerksam gemacht und zugleich die Kultur dieser ethnischen Minderheit gefeiert werden soll. (Wikipedia  https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Tag_der_Roma)