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Nur da sein für die Menschen – wie Jesus

Bożena Daszuta, Mitglied des Kirchenvorstands der Evangelisch-methodistischen Kirche in Polen, war am 20. Januar 2026 im Connexio-Mission Talk zu Gast. Sie erzählte von Sommercamps, der Einladung des polnischen Präsidenten und der wachsenden Furcht vor dem Krieg. Und sie fand: Kirche muss authentischer werden.  
 
Bożena Daszuta ist verwitwet, hat zwei Kinder und lebt in Kielce, im Süden von Polen. Sie unterrichtet Englisch, ist Mitglied des Kirchenvorstands der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in Polen, führt die Kasse ihrer Gemeinde und engagiert sich in der Arbeit mit Kindern. Im Connexio-Mission Talk, einem einstündigen Zoom-Treffen, gab sie einen spannenden und persönlichen Einblick in das, was Gesellschaft und Kirche beschäftigt. Und konnte damit den Teilnehmenden auch Denkanstösse für ihre je eigene Situation weitergeben.
 
Die EMK in Polen ist seit 1925 vom Staat anerkannt. «Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg waren wir stark sozial engagiert», erzählte Bożena Daszuta, «und ich hoffe, dass wir das wieder mehr tun.» Doch es gab auch Ausgrenzung: «Es gibt noch Personen, die methodistisch wurden und erlebten, wie Nachbarn mit Steinen nach ihnen warfen. Einige hatten es als Kind in der Schule wirklich schwer.» Bożena Daszuta selbst war katholisch aufgewachsen und sich als junge Frau für die EMK entschieden. Ihr Vater habe nur gemeint, sie sei erwachsen und solle ihre eigene Wahl treffen. Aber ihre Mutter habe Angst gehabt: «Du bist katholisch geboren und aufgewachsen. Was werden die Leute sagen?»
 
Heute sei es anders: «Wir fragen nicht danach, aber die meisten Kinder, die zu unserem grossen jährlichen Sommercamp kommen, sind römisch-katholisch. Die Menschen sind offener und unsere Gemeinde ist wegen des Camps bekannt.» Bożena Daszuta zeigte sich begeistert: «Wir haben 2007 mit 16 Kindern begonnen, jetzt sind es 400; davon sind nur 20 aus unseren Gemeinden und alle andern aus den Dörfern – sogar die Behörden schätzen uns. Familien, die sich die Kosten nicht leisten können, unterstützen wir. Alle Kinder sollen eine gute Zeit haben dürfen.» Die Kirche engagiert sich auch mit therapeutischen Camps für Menschen mit einer Suchterkrankung und deren Angehörigen. Und englisch-, spanisch- sowie ukrainisch-sprachige Gemeinden öffnen ihre Türen für Menschen, die fremd in Polen sind.
 
Zur Gemeinde in Kielce gehören vier Personen, die aus der Ukraine geflüchtet sind; zwei wohnen in der Kirche. «Die gehören zu uns. Sie sind unabhängig und haben eine Arbeit.» Werden sie zurückkehren? Bożena Daszuta wog ab: «Die eine ist eine alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter: die werden bleiben. Bei der anderen Familie kann der Vater die Ukraine nicht verlassen; seine Frau reist hin und her. Sie warten darauf, dass der Krieg endet. Vielleicht werden sie, wenn es die Situation erlaubt, dann in die Ukraine zurückkehren.» An mehreren Orten wurden ukrainische Geflüchtete in Räumen der Kirche aufgenommen. Manche ziehen weiter, zum Beispiel nach Deutschland. «Wir unterstützten sie, und sie dürfen bleiben, bis sie die administrativen Dinge geklärt haben.»
 
Polen grenzt an die Ukraine und an Russland. Viele Menschen machen sich Sorgen, dass es in Polen Krieg geben könnte. «Wir sind nicht gerade gelähmt vor Angst, aber wir haben sie im Hinterkopf», sagte Bożena Daszuta. «Es gibt Leute, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben. Andere sagen: ‘Nein, nein, es wird nichts passieren’. Viele bauen und kaufen Appartements in Spanien. Aber es ist so: Der Krieg ist vor unseren Grenzen, vor unserer Haustür.»
 
In Polen sind 90% der Bevölkerung römisch-katholisch, 1-2% protestantisch und etwa 1% orthodox. Im Januar 2026 war, wie jedes Jahr, eine Vertretung der EMK in Polen beim polnischen Präsidenten eingeladen, zusammen mit allen anerkannten Kirchen und weiteren religiösen Gemeinschaften. Doch viele würden die Römisch-katholische Kirche verlassen, auch zahlreicher Missstände wegen – die es allerdings auch in anderen Kirchen gebe, so Bożena Daszuta. «Und die Leute scheinen weniger interessiert zu sein. Andere Dinge, wie materieller Wohlstand, sind wichtiger.» Mit der Wende um 1990 habe zwar eine hoffnungsvolle Entwicklung begonnen: «Es gab Freiheit für die Menschen: die Freiheit, zu gehen, wohin sie wollen, zu denken, was sie wollen. Doch die Gesellschaft strebt danach, mehr zu haben. Viele sagen sich vielleicht: Wir brauchen Gott nicht.»
 
Diesen Entwicklungen müssten sich alle Kirchen stellen. «Auch bei uns ist es schwieriger geworden, die Leute zu behalten. Vielleicht ist es unser Fehler. Wir sollten authentischer sein, Zeuginnen und Zeugen sein, die es wert sind, so genannt zu werden», meinte Bożena Daszuta nachdenklich. Denn die Menschen – und gerade Kinder und Jugendliche – würden Authentizität suchen. «Wir sollten nicht nur am Sonntag predigen. Sondern mit den Menschen sein, zu ihnen halten, wenn Dinge schiefgehen, und Hoffnung weitergeben. Wir müssen nur da sein. So wie Jesus da war für die Leute: er war da und hörte ihnen zu und redete mit ihnen.»
 
Autorin: Nicole Gutknecht, Connexio, Zürich (Schweiz)