Was im übertragenen Sinn auf viele Orte dieser Erde zutrifft, ist in der Ukraine auch im wahren Sinne der Worte eine schmerzliche Realität – es ist dunkel und kalt. Im nächsten Monat wird der zerstörerische Krieg in sein fünftes Jahr gehen…
«Ja, der Winter ist in diesem Jahr wirklich kalt und hart für die Ukraine. Dazu kommt die Tatsache, dass viele Anlagen zur Stromversorgung und Wärmegewinnung zerstört sind.» So sagt es Yulia Starodubets von der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in der Ukraine, die im Westen des Landes lebt und in einer leitenden Funktion Binnenvertriebenen einen Zufluchtsort und Hilfe anbietet. Aufgrund ihrer Kontakte weiss sie: «In allen grösseren Städten des Landes leiden die Menschen wieder regelmässig unter Stromausfällen.»
Noch drastischer formuliert es Petr Húšť, ein Helfer aus Tschechien, der schon Dutzende Male mit Hilfsgütern in die Ukraine gefahren und vor kurzem wieder aus diesem umkämpften Land zurückgekehrt ist: «In Kyiv gibt es nur zwei Stunden am Tag Strom, und die Temperaturen sind auf bis zu -20 °C gefallen.» Dies nicht etwa, weil die entsprechenden Versorgungseinrichtungen marode wären. Vielmehr würden russische Truppen das schlechte Wetter ausnutzen und gezielt Strom- sowie Wärmequellen angreifen. Die Folgen davon sind augenscheinlich: «Die Menschen frieren. Wasser- und Heizungsleitungen platzen. Geschäfte, Restaurants und Cafés sind geschlossen. Zahlungsterminals funktionieren nicht, und man kann kein Geld an Geldautomaten abheben.» Ein Umstieg auf alternative Heizmethoden sei insofern nicht möglich, als dass es beispielsweise in Kyiv und Umgebung schlicht nicht möglich sei, Holz zu kaufen – alles sei ausverkauft. Eine Folge davon sei, dass Eltern in Kyiv ihre Kinder zu Familienangehörigen und Bekannten in anderen Regionen schicken würden. Gleichzeitig verstärkten die russischen Truppen aber ihre Angriffe. Dies würde ganz existenzielle Spannungen mit sich bringen, so der Helfer aus Tschechien: «Eltern fragen sich: Was passiert, wenn wir sterben, wer kümmert sich dann um unsere Kinder?»
Was wird die Zukunft bringen? Millionen von Menschen haben die Ukraine inzwischen verlassen und in europäischen Ländern nicht nur einen vorübergehenden Schutz gefunden, sondern ein neues Zuhause – und auch eine Arbeitsmöglichkeit, um ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten zu können. In direkt oder indirekt an die Ukraine angrenzenden Ländern wie Polen, Tschechien, Ungarn und Rumänien bieten auch Gemeinden sowie Einzelpersonen der EMK auf eine beeindruckend vielfältige Weise Hilfe an. Sie tun dies im Blick auf Unterkunft, Arbeit und Sprache, aber auch hinsichtlich der Freizeitgestaltung und der sozialen Integration. Und ganz besonders wichtig sind die psychologische und seelsorgerliche Begleitung. Viele der geflüchteten Menschen mögen äusserlich unversehrt sein – in ihrem Innern sind sie es nicht. Inzwischen gibt es in vielen Gemeinden der EMK auch Menschen aus der Ukraine, die eine neue geistliche Heimat gefunden haben. Werden diese Menschen bleiben? Oder ist das Land ihrer Zuflucht doch nur ein vorübergehendes Zuhause, und ihre Herzen sind nach wie vor in der Heimat – und erfüllt von der Hoffnung auf eine Rückkehr? Bożena Daszuta, Mitglied des Kirchenvorstands der EMK in Polen, formulierte es in einem kürzlichen Gespräch so: «Wer noch den Ehemann und Familienvater in der Ukraine hat, wird vielleicht einmal zurückkehren, ja, reist schon jetzt regelmässig in die Ukraine. Wer diese familiäre Bindung nicht oder nicht mehr hat, wird wohl hierbleiben.»
Durch eine Initiative eines sehr engagierten Ingenieurs haben Menschen einer EMK-Gemeinde im Süden Deutschlands rund 150 Solarlampen hergestellt. Knapp 100 davon haben über eine EMK-Gemeinde in Ostungarn bereits den Weg in die Ukraine gefunden. Dutzende weitere warten darauf, via Polen und Tschechien in die Ukraine gebracht zu werden. Und noch mehr Lampen werden folgen, wenn es die Strassenverhältnisse zulassen, und wenn es in der Ukraine nicht nur einen Bedarf gibt, sondern auch entsprechende Verteilmöglichkeiten.
In einer Zeit ständigen Stromausfalls sind solche Solarlampen nicht nur eine kostengünstige und zweckmässige Beleuchtungsmöglichkeit. Sie bringen auch im übertragenen Sinn Licht in die Dunkelheit. Weil sie ein Symbol dafür sind, dass die Menschen in der Ukraine nicht vergessen sind. Die Wichtigkeit dieser Tatsache unterstreicht auch Yulia Starodubets im Westen der Ukraine: «Wir sind dankbar, dass ihr an uns denkt, für uns betet und uns helft.»
Petr Húšť aus Tschechien ist gerade dabei, einen grossen 30 kW-Generator zu kaufen und an ein Hilfszentrum in Kyiv auszuliefern - «für Witwen und Waisen, für bedürftige alte Menschen, für Menschen, die im Blick auf Beerdigungen Unterstützung benötigen, und für Veteranen. Und in diesen Tagen ganz einfach für alle, die sich aufwärmen oder das Mobiltelefon aufladen müssen. Oder die eine heisse Suppe und einen heissen Tee benötigen.»
Ivana Procházková, Superintendentin der EMK in Tschechien, sagte schon bald nach dem Angriff der russischen Truppen, der Weg des Engagements für die geflüchteten Menschen würde ein langer werden. Sie sollte recht behalten.
Und so stellt sich uns die Frage: Haben wir uns an den Krieg in der Ukraine gewöhnt, oder stehen wir den Menschen auch jetzt noch zur Seite – in unseren Gedanken, mit unseren Gebeten, durch unsere Spenden?
Urs Schweizer, Assistent des Bischofs Stefan Zürcher, Zürich/Schweiz