Drei methodistische Bischöfe reisten in die Westukraine, um EMK-Gemeinden zu besuchen und Menschen zu begegnen, die seit Jahren im Krieg leben. Ihr Fazit: Die tätige Liebe vor Ort ist ein starkes Zeichen der Hoffnung.
Es sind die kleinen Gesten, die bleiben: Ein gemeinsames Gebet, ein Lächeln im Jugendzentrum, ein Tisch, an dem Geflüchtete erzählen, was sie erlebt haben. Vom 26. bis 30. März 2026 besuchten die methodistischen Bischöfe Stefan Zürcher (Mittel- und Südeuropa), Werner Philipp (Deutschland) und Knut Refsdal (Nordeuropa, Baltikum und Ukraine) Gemeinden und Projekte in Transkarpatien und Lwiw im Westen der Ukraine. Sie wollten ein Zeichen der Solidarität setzen – und selbst erleben, wie die methodistische Kirche in der Ukraine trotz Krieg Hoffnung stiftet. Der methodistische Pfarrer und Superintendent Oleg Starodubets begleitete die Bischöfe zusammen mit seiner Frau Yulia.
Warum dieser Besuch?
Bei einem Treffen im Herbst 2025 habe ihnen Bischof Knut Refsdal von seinen Besuchsplänen erzählt, erinnert sich Bischof Stefan Zürcher. «Im Gespräch war für Bischof Werner Philipp und mich schnell klar: Wenn wir alle drei gehen, wäre das ein starkes Signal.» Sie wollten durch ihren Besuch zeigen: Die Menschen der EMK in der Ukraine sind nicht allein.
Zum Bischofsgebiet von Bischof Stefan Zürcher gehört unter anderem die EMK in Polen, Tschechien, Ungarn und Rumänien. «Seit Kriegsbeginn haben die Methodistinnen und Methodisten in diesen Ländern sowohl Geflüchtete begleitet also auch mit Hilfslieferungen die Arbeit in der Ukraine unterstützt.» Jetzt ging es darum, selbst in die Ukraine zu reisen – und den Menschen vor Ort zu begegnen. Für Bischof Stefan Zürcher war es der erste Besuch in diesem Land. Auch Bischof Werner Philipp war zum ersten Mal dort, während Knut Refsdal bereits zum dritten Mal seit seiner Wahl zum Bischof in die Ukraine reiste.
Begegnungen, die prägen
Das Programm war dicht: Von Uschhorod nach Lwiw, von Jugendzentren zu Flüchtlingsunterkünften, Gottesdienste, Feiern und Gespräche mit Geflüchteten. In Lwiw trafen die Bischöfe auf eine lebendige, junge Gemeinde. Am Freitagabend waren sie dort zu Begegnungen und einer schlichten gottesdienstlichen Feier. «25 bis 30 junge Leute waren da», sagte Bischof Stefan Zürcher. Ein Teil von ihnen sei in Lwiw und Umgebung aufgewachsen, andere aus der Ostukraine in den vergleichsweise sicheren Westen geflohen.
Die von den Bischöfen besuchten Städte, seien durch den Zustrom von Binnenflüchtlingen massiv gewachsen. In Lwiw lebten heute rund eine Million Menschen, fast ein Drittel mehr als noch im Jahr 2022. «In Uschhorod hat sich die Zahl der Bewohnerinnen und Bewohner sogar verdreifacht, von 120’000 auf 350’000, was natürlich entsprechende Herausforderungen mit sich bringt.» Dabei gehe es nicht nur um den benötigten Wohnraum, sondern auch um kulturelle Unterschiede zwischen dem Westen und dem Osten der Ukraine.
Sichere Räume schaffen
Auch das Jugendzentrum «Lighthouse» in Uschhorod besuchten die Bischöfe bei ihrer Reise. Viele der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich in dem als NGO organisierten Zentrum treffen, sind Binnenvertriebene. Im September 2025 begann die Arbeit. «Es geht darum, dass Jugendliche und junge Erwachsene einen Ort haben, an dem sie sein können und sicher sind. Hier können sie einfach kommen – und gehören dazu», erzählt Bischof Stefan Zürcher.
In Uschhorod leiten die Verantwortlichen der EMK auch zwei Unterkünfte für Binnenflüchtlinge. In einem alten kommunistischen Gebäude mitten in der Stadt sind einfache Zimmer und eine Gemeinschaftsküche eingerichtet. Im ehemaligen Hotel «Under the Castle» finden Geflüchtete ein etwas komfortableres Zuhause.
Flüchtlingsarbeit als Zeugnis für Gott
Ein ergreifender Moment war die Begegnung mit geflüchteten Frauen dort. «Eine Frau sagte: ‹Dass die Methodisten hier sind und uns diese Aufenthaltsmöglichkeit geben, das ist für mich wie ein Beweis, dass es Gott gibt›», erzählt Bischof Stefan Zürcher. Die wenigsten Geflüchteten hatten vorher Kontakt zu einer Kirche, schon gar nicht zur EMK. «Und hier erleben sie: Die Methodistinnen und Methodisten begleiten uns. Sie schauen, dass wir bekommen, was es braucht. Diese tätige Liebe hat eine ganz starke Wirkung.»
Krieg im Alltag: Normalität und Trauma
Trotz des Krieges wirke das Leben in Lwiw auf den ersten Blick fast normal, erzählt Bischof Stefan Zürcher. «Die Cafés sind voll, die Strassen belebt.» Dennoch sind Spuren des Krieges allgegenwärtig: zerstörte Häuser, Soldatenfriedhöfe, Gedenktafeln. «In Lwiw haben wir ein Haus gesehen, das erst Tage zuvor von einer Drohne getroffen wurde. Die Fenster der Nachbarkirche waren zerbrochen. Aber alles war schon wieder aufgeräumt.»
Die Bischöfe spürten die Anspannung vor allem in den Gesprächen. «Yulia Starodubets sagte uns, sie frage die Frauen nicht nach ihren Geschichten. Das könnte sie retraumatisieren.» Viele der Geflüchteten kommen aus Brennpunkten wie Bachmut, Mariupol oder Charkiw. «Wenn man ihnen zuhört, merkt man: Sie bringen sehr schwere Geschichten mit.»
Eindrücklich war für Bischof Knut Refsdal der Anblick des Friedhofs in Lwiw. «Es war bewegend, die Gräber so vieler junger Männer zu sehen – und zu wissen, dass dies nur die Gefallenen aus dieser Region sind.» Auch für Bischof Werner Philipp war das ein Moment, in dem der Schrecken des Krieges zu erahnen war: «Wenn es nicht mehr nur Zahlen sind, sondern Namen und Gesichter, wird der Krieg greifbar.»
Was bleibt? Verbundenheit und Hoffnung
«Der Besuch hat uns gezeigt, wie wichtig physische Präsenz ist», resümiert Bischof Stefan Zürcher. «Die Menschen dort spürten: Wir sind nicht vergessen. Dass wir als Bischöfe gekommen sind, war für sie ein Zeichen der Verbundenheit.» So sei die Wirklichkeit einer weltweiten Kirche nicht nur eine abstrakte Idee, sondern werde erlebt als konkrete Nähe in einer schweren Situation. Die Reise habe ihn ermutigt, solche Begegnungen weiter zu suchen. Sie zeigten, dass christliche Verbundenheit nicht an Grenzen ende, und dass Hilfe nicht immer laut sein müsse, um Wirkung zu entfalten.
Autor: Sigmar Friedrich, Zürich / Schweiz
Foto: Bischöfe Werner Philipp (links), Stefan Zürcher (2. von rechts), Knut Refsdal (rechts)